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Stimmen aus der Region

Ein Interwiew mit Helfer*innen

Silja K. und Ihr Sohn Dominik B. sind schon seit Ende März dabei andere gefährdete Menschen während der Korona-Pandemie mit notwendigen Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen. Zurzeit sind es sieben Haushalte mit meist älteren Menschen, die sie täglich unterstützen, wobei sich zwei Menschen in Quarantäne befinden, weil Angehörige sich mit dem Virus infiziert hatten.

Beide sind Mitglieder der spontan in Bad Gandersheim gegründeten Gruppe „Nachbar Helfer“, der inzwischen ca. 50 Personen beigetreten sind.

Verständigt wird sich und über eine WhatsApp-Gruppe, wo auch Absprachen über Hilfsangebote getroffen werden.

In einem von Herrn Rolf Ninke durchgeführten WhatsApp-Interview schildern sie hier Ihre tägliche Arbeit und ihre Gedanken zur Nachbarschaftshilfe.

Frage: Was machen Sie als Nachbarschaftshelfer*in genau, wie sieht Ihr Helferalltag aus?

Silja K.: Wir versorgen Menschen durch Einkaufaktionen, die ihre Wohnung zurzeit nicht verlassen können, mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Artikeln. Den Bedarf der einzelnen Haushalte erfahren wir durch Bestellzettel, die für uns vor der Wohnungstür hinterlegt werden. Wir sind natürlich wegen möglicher gegenseitiger Ansteckungsgefahr sehr vorsichtig, wenn wir die Bewohner aufsuchen, haben unsere Gesichtsmasken auf und keinen direkten Kontakt. Dank besonderer Helferkarten, die uns von der Stadt ausgestellt wurden, erhalten wir hilfreiche Unterstützung bei der Zusammenstellung des Warenkorbs durch das Personal im Supermarkt. Das klappt wunderbar.

Frage: Wie läuft das mit der Bezahlung?

Silja K.: Da gibt es überhaupt keine Probleme. Teilweise wir das Geld für den Einkauf dem Bestellzettel beigelegt oder wir legen es aus und bekommen es bei Ablieferung zurückerstattet.

Frage: Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Hilfesuchenden?

Silja K.: Sie sind so froh und dankbar, dass wir ihnen helfen. Wir sind für sie die Heinzelmänner und ‚Engel‘ und werden sehr positiv begrüßt, wenn wir vor den Wohnungen stehen. Natürlich führen wir auch viele Gespräche mit dem nötigen Abstand. Alle sind bemüht um unser Wohlergehen, und sehr umsichtig in ihrem Verhalten. Bei manchen von ihnen sind wir zurzeit auch der einzige Kontakt, sodass wir uns auch viel Zeit für ausführliche Unterhaltungen nehmen.

Dominik B.: Wir haben auch das Gefühl, dass es den Menschen nicht leicht gefallen ist um Hilfe zu fragen und diese anzunehmen. Manche hätten sogar lieber einen zu bezahlenden Lieferservice für den Einkauf beauftragt, um nicht ehrenamtliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt auch der für Viele unangenehme Einblick Fremder in den privaten Bereich, in die eigenen Kaufgewohnheiten und die finanziellen Verhältnisse.

Frage: Finden Sie auch Unterstützung durch ihr persönliches Umfeld?

Silja K.: Ja, viele meiner Bekannten finden unser Engagement gut. Manche helfen uns auch sporadisch dabei die Sachen auszuliefern.

Frage: Wie schätzen Sie die Reaktionen der Bad Gandersheimer auf die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen und Auflagen ein. Hat sich etwas am Verhalten im Umgang miteinander verändert?

Silja K.: Meiner Meinung nach sind sie rücksichtsvoller geworden. Beim Einkauf sind die Menschen nicht mehr so genervt, wenn es länger dauert. Bei uns ist es an der Ladenkasse durch den Großeinkauf manchmal zeitaufwendig, weil wir alles genau sortieren müssen. Da zeigen alle viel Geduld.

Dominik B.: Ich habe das Gefühl, dass die Leute in dieser Zeit, wo die Kontaktaufnahme eingeschränkt ist, viel häufiger ein Lächeln und Zuneigung zeigen. Vielleicht möchten sie signalisieren, dass sie mehr Verständnis haben, auch an ihre Mitmenschen denken und gerne Rücksicht nehmen.

Frage : Warum engagieren Sie sich so intensiv und helfen anderen Menschen ehrenamtlich?

Silja K.: Ich helfe gerne anderen Menschen, habe selbst viel Unterstützung in meinem Leben erfahren. Unsere ganze Familie ist sehr sozial eingestellt. Meine Kinder sind in diesem Sinne auch groß geworden. Das hat auch dazu geführt, dass mein Sohn und ich im sozialen Bereich an Schulen tätig sind. Für uns ist diese Lebenseinstellung selbstverständlich. Wir haben auch unsere Eltern und Großeltern immer unterstützt. Da kam und kommt auch sehr viel Wertschätzung zurück. Ich glaube, für viele Menschen ist es in dieser Zeit der Pandemie eine neue wichtige Erfahrung, füreinander da zu sein, sich Zeit zu nehmen, der älteren Generation in der Familie zu helfen und dann auch etwas zurückzubekommen, was ein schönes Gefühl vermittelt.

Wir glauben, dass nach der Carona-Zeit die Verbindung zu den Hilfesuchenden, die wir betreuen, nicht abreißen wird. Die Kontakte zu den Menschen, es sind teilweise auch Nachbarn, haben sich durch das Geben und Nehmen, durch die Gespräche, die wir geführt haben, intensiviert.

Frage: Was hat sich bei den von Ihnen betreuten Menschen verändert?

Silja K.: Uns ist aufgefallen, dass der Wunsch mehr mit Familienmitgliedern zu kommunizieren größer geworden ist. Das äußert sich zum Beispiel auch darin, dass Großeltern den Wunsch haben mit Hilfe eines noch anzuschaffenden Tablets mit ihren in Berlin lebenden Enkelkindern regelmäßiger Kontakt zu halten und sich familiär auszutauschen. Viele haben jetzt die Möglichkeiten neuer Medien entdeckt, um sich näher zu sein.

Frage: Welche Chancen bietet die ‚Nachbar Hilfe‘ für die Gemeinschaft?

Silja K.: Ich sehe in dieser Helfergemeinschaft auch die Möglichkeit nicht nur selbst zu helfen, sondern auch Unterstützung durch andere Helfende zu bekommen. Sei es, die Hilfe selbst in Anspruch zu nehmen, oder falls man bei einer Hilfeaktion ausfällt, dass ein Anderer aus der Gruppe einspringt und die Tätigkeit übernimmt. Das mindert die Abhängigkeit der Hilfesuchenden von einzelnen Personen.

Frage: Können Sie sich vorstellen, dass die Idee und das Angebot der ‚Nachbar Helfer‘ in der Zukunft weiter bestehen wird?

Silja K.: Auf jeden Fall. So eine Nachbarschaftshilfe kann doch einiges bewirken, dass zeigt sich ja gerade in dieser schwierigen Zeit.

Dominik B.: Auch gerade für ältere Menschen ist es nicht nur momentan, sondern auch in der Zukunft sinnvoll, nicht mühsam ihre notwendigen Einkäufe allein erledigen zu müssen. Außerdem können wir als Helfer durch den regelmäßigen Kontakt und die häufigen Gespräche der Vereinsamung entgegenwirken.